Das ERP-Dilemma im Mittelstand: Zwischen Altsystem und Insellösung

28.01.2026
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Strategie

Das ERP-Dilemma im Mittelstand: Zwischen Altsystem und Insellösung

Viele Geschäftsführer und IT-Verantwortliche im deutschen Mittelstand kennen das Gefühl: Das über Jahre gewachsene, zentrale Warenwirtschafts- oder ERP-System ist zu einem ambivalenten Partner geworden. Einerseits bildet es das Rückgrat vieler Kernprozesse, ist den Mitarbeitern vertraut und funktioniert im Wesentlichen stabil. Andererseits fühlt es sich zunehmend wie ein Bremsklotz an – starr, schlecht integrierbar und unfähig, mit den Anforderungen der modernen digitalen Welt Schritt zu halten. Die logische Konsequenz scheint ein radikaler Schnitt zu sein: ein kompletter Systemwechsel. Doch die damit verbundenen Kosten, Risiken und der immense Aufwand lassen viele zurecht zögern. Gibt es einen dritten Weg?

Die Grenzen der „eierlegenden Wollmilchsau“

Der traditionelle Ansatz vieler Software-Anbieter war es, eine einzige, monolithische Lösung für alle denkbaren Unternehmensbereiche anzubieten – von der Auftragsbearbeitung über die Buchhaltung bis hin zur Kundenverwaltung. Diese „eierlegenden Wollmilchsauen“ versprachen eine Welt ohne Schnittstellenprobleme, da alle Daten in einem einzigen System leben. In der Praxis zeigt sich jedoch oft, dass diese Systeme in keinem Bereich wirklich exzellent sind. Sie sind ein Kompromiss auf ganzer Linie. Spezialisierte Insellösungen, beispielsweise für E-Commerce, CRM oder Projektmanagement, sind den Modulen der großen Suiten oft um Längen voraus – sie sind moderner, benutzerfreundlicher und leistungsfähiger. Der Leitsatz „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ gewinnt auch in der Software-Welt an Bedeutung. Ein System, das für die Verwaltung von Kassen- und Filialsystemen optimiert ist, muss nicht zwangsläufig das beste Werkzeug für die digitale Rechnungsprüfung oder das Online-Marketing sein.

Integration als strategische Kernkompetenz

Die Entscheidung für spezialisierte Insellösungen führt unweigerlich zur zentralen Herausforderung der modernen IT-Architektur: dem Schnittstellenmanagement. Ohne eine durchdachte Integrationsstrategie entsteht aus einem starren Monolithen ein unübersichtlicher und fehleranfälliger Flickenteppich aus Datensilos. Hier ist es entscheidend, den Begriff „Schnittstelle“ korrekt zu definieren.

Was eine echte Schnittstelle ausmacht

In der Praxis wird der Begriff leider oft inflationär gebraucht. Ein manueller Export einer CSV-Datei aus einem System, die Ablage in einem Ordner und der anschließende Import in ein anderes System ist keine Schnittstelle nach heutigem Standard. Es ist ein manueller, fehleranfälliger Prozess, der keine Echtzeit-Kommunikation ermöglicht. Eine echte, moderne Schnittstelle (API – Application Programming Interface) sorgt dafür, dass Systeme direkt und automatisiert miteinander sprechen. Sie tauschen Daten im Hintergrund aus, ohne dass ein Mitarbeiter manuell eingreifen muss. Dies ist die Grundvoraussetzung für eine funktionierende digitale Prozesslandschaft.

Praxisbeispiel: Warenwirtschaft und E-Commerce

Ein klassisches Szenario verdeutlicht die Notwendigkeit von Echtzeit-Integration: Ein Unternehmen gleicht morgens einmalig den Lagerbestand seines ERP-Systems mit dem angeschlossenen Webshop ab. Der Shop zeigt 10.000 verfügbare Artikel an. Fünf Minuten später geht im ERP-System eine Großbestellung über 9.000 Artikel ein. Da die Systeme nicht permanent synchronisiert sind, weiß der Webshop davon nichts. Bestellt nun ein Online-Kunde 5.000 Artikel, ist die Ware nicht lieferbar. Das Resultat sind unzufriedene Kunden und manueller Korrekturaufwand. Nur eine direkte Anbindung, die Lagerbestände in Echtzeit abgleicht, kann dieses Problem zuverlässig lösen.

Der pragmatische Weg: Bestehendes optimieren, gezielt ergänzen

Vor einer radikalen Neuinvestition sollte immer die Frage stehen: Nutzen wir das, was wir haben, überhaupt vollständig aus? Oft schlummern in bestehenden Systemen ungenutzte Module oder Potenziale, die durch eine bessere Konfiguration oder die Optimierung der Rahmenbedingungen (z.B. Hardware-Performance) gehoben werden können. Ein System, das nur für die Auftragserfassung, Lieferscheinerstellung und Rechnungslegung genutzt wird, dessen Potenzial aber weit darüber hinausgeht, ist eine ungenutzte Investition. Der erste Schritt sollte daher immer eine ehrliche Bestandsaufnahme sein.

Quick Wins als Katalysator für die Veränderung

Die digitale Transformation muss kein jahrelanges Großprojekt sein. Oft sind es kleine, gezielte Verbesserungen, die eine große Wirkung entfalten und die Motivation im Team steigern. Ein prägender Leitsatz lautet: „Wenn man einen Vorgang mehr als zweimal pro Woche manuell durchführt, lohnt es sich, über eine Automatisierung nachzudenken.“ Dies kann die Digitalisierung eines simplen Prozesses sein, wie etwa das Scannen von physischen Lieferscheinen direkt bei der Warenannahme. Anstatt Dokumente manuell zu heften und abzugleichen, liegen die Informationen sofort digital vor und können automatisiert mit der entsprechenden Rechnung verknüpft werden. Solche „Quick Wins“ schaffen schnelle Erfolge und ebnen den Weg für größere strategische Anpassungen.

Fazit: Vom Systemdenken zum Prozessdenken

Die Zukunft gehört nicht zwangsläufig den Unternehmen, die das eine, perfekte ERP-System haben. Sie gehört denen, die ihre Prozesse verstehen und eine flexible, vernetzte Systemlandschaft aufbauen können. Die Kernkompetenz verlagert sich von der reinen Software-Auswahl hin zum intelligenten Integrationsmanagement. Anstatt das bewährte Kernsystem vorschnell zu ersetzen, kann es als stabiler Anker dienen, um den herum ein Ökosystem aus modernen, spezialisierten Werkzeugen aufgebaut wird. Jede neue Software-Anschaffung muss dabei an einer zentralen Leitplanke gemessen werden: der Fähigkeit zur nahtlosen und offenen Integration. Bei der Hunold Consulting GmbH begleiten wir Unternehmen genau auf diesem pragmatischen Weg, um aus bestehenden Strukturen heraus nachhaltige und zukunftsfähige digitale Prozesse zu entwickeln.

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