Die Realitätslücke der Digitalisierung: Wo der Mittelstand wirklich steht

28.01.2026
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Strategie

In der öffentlichen und wirtschaftlichen Diskussion dominieren Begriffe wie Künstliche Intelligenz, Big Data und Industrie 4.0. Hochglanz-Fallstudien und Konferenzvorträge zeichnen das Bild einer rasant fortschreitenden digitalen Transformation. Doch in der Beratungspraxis zeigt sich abseits der Leuchtturmprojekte eine andere, deutlich nüchternere Realität: Viele hoch erfolgreiche mittelständische Unternehmen – oft „Hidden Champions“ in ihren Nischen – operieren auf einem technologischen Fundament, das Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte hinter dem aktuellen Stand der Technik zurückliegt.

Diese Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen und der tatsächlichen digitalen Reife ist eine der größten Herausforderungen für eine erfolgreiche Prozessdigitalisierung in KMU. Wer hier mit den falschen Annahmen startet, riskiert, an den wahren Bedürfnissen der Organisation vorbeizuplanen und die Mitarbeiter zu verlieren, bevor das eigentliche Projekt überhaupt begonnen hat.

Der Kulturschock: Wenn die Realität jede Annahme übertrifft

Erfolgreiche Digitalisierungsberatung beginnt nicht mit der Vorstellung der neuesten Software-Suite, sondern mit einer tiefen, vorurteilsfreien Analyse des Status quo. Ein prägnantes Beispiel aus der Praxis illustriert dies eindrücklich: Ein hochprofitables Unternehmen, Marktführer in seinem Segment, nutzte bis vor Kurzem weder Outlook noch ein anderes modernes E-Mail-Programm. Die gesamte E-Mail-Kommunikation lief über einen privaten Anbieter in einer Benutzeroberfläche, die an Betriebssysteme der 1990er-Jahre erinnerte. Ein CRM-System zur Verwaltung von Kundenbeziehungen? Fehlanzeige.

Fälle wie dieser sind keine Seltenheit, sondern symptomatisch für eine weit verbreitete Situation. Viele KMU haben ihre Prozesse über Jahrzehnte organisch wachsen lassen. Die Systeme sind etabliert, sie funktionieren – und der Leidensdruck für eine Veränderung war bisher nicht groß genug. Der Erfolg gab ihnen recht. Aus Beratersicht ist die erste Reaktion oft ungläubiges Staunen, gefolgt von dem Impuls, eine technologische Komplettsanierung vorzuschlagen. Doch genau dieser Impuls ist trügerisch. Der erste und entscheidende Schritt ist, zu verstehen und zu akzeptieren, wo das Unternehmen wirklich steht.

Der menschliche Faktor: Wenn „Bärbel“ das System ist

Die größte Hürde bei der digitalen Transformation ist selten die Technologie. Es sind die Menschen und die in ihren Köpfen und Handlungen verankerten Prozesse. Ein klassisches Szenario ist die Bearbeitung einer Kundenbeschwerde: Eine E-Mail kommt an. Eine Mitarbeiterin – nennen wir sie Bärbel – liest sie, leitet sie an einen Kollegen weiter, wartet auf dessen Feedback, fragt vielleicht noch weitere Personen, konsolidiert die Antworten und formuliert schließlich eine Antwort an den Kunden. Der gesamte Vorgang ist an Personen, deren Verfügbarkeit und deren informelles Wissen gebunden. Es gibt kein Ticketing, keine zentrale Nachverfolgung, keine messbaren Durchlaufzeiten. Bärbel ist das System.

Die Einführung eines CRM- oder Ticket-Systems ist hier nicht nur eine technische, sondern primär eine kulturelle Umstellung. Für die Mitarbeiter bedeutet es Transparenz, wo vorher Kontrolle durch Wissen herrschte. Es bedeutet standardisierte Prozesse, wo vorher individuelle Freiheit bestand. Wer hier die menschliche Komponente ignoriert, wird auf Widerstand stoßen. Die zentrale Aufgabe ist es, den Nutzen für den Einzelnen greifbar zu machen:

  • Weniger Stress: Ein System übernimmt die Nachverfolgung. Man muss nicht mehr permanent daran denken, einen Kollegen an eine offene Aufgabe zu erinnern.
  • Mehr Flexibilität: Prozesse sind nicht mehr an eine Person oder einen Ort gebunden. Theoretisch wird so auch die Arbeit von zu Hause aus einfacher möglich.
  • Fokus auf Wertschöpfung: Die gewonnene Zeit kann für anspruchsvollere Tätigkeiten genutzt werden, anstatt Informationen hinterherzulaufen.

Es geht nicht darum, Bärbel zu ersetzen, sondern ihr Werkzeuge an die Hand zu geben, die ihre Arbeit einfacher, effizienter und weniger stressig machen. Diese Botschaft muss im Zentrum der Kommunikation stehen.

Die Prinzipien einer pragmatischen Transformation

Aus diesen Beobachtungen leiten sich vier zentrale Erfolgsfaktoren für die digitale Transformation im Mittelstand ab, die oft im Gegensatz zu theoretischen Lehrbuchmodellen stehen:

  1. Radikale Ausgangspunkt-Analyse: Vergessen Sie Annahmen. Fragen Sie „zehnmal warum“, um die tatsächlichen Prozesse und genutzten Tools zu verstehen. Der wahre Startpunkt liegt oft beim „Ur-Schleim“ der Digitalisierung – und das ist keine Schande, sondern die Realität.
  2. Storytelling statt Feature-Listen: Erklären Sie die Transformation als eine logische Reise. Bauen Sie eine Geschichte auf, die den Mitarbeitern verständlich macht, warum die Veränderung notwendig ist, welche Schritte gegangen werden und welchen konkreten Nutzen jeder einzelne davon hat.
  3. Intelligentes Überspringen: Unternehmen, die heute noch auf dem Stand von 1995 sind, müssen nicht jeden Zwischenschritt der letzten 25 Jahre nachholen. Sie können technologische Generationen überspringen – vom analogen Prozess direkt zum Cloud-CRM. Dieser Sprung ist eine immense Chance, erfordert aber eine umso intensivere Begleitung der Mitarbeiter.
  4. Mensch vor Technologie: Jede technologische Entscheidung muss sich der Frage stellen: Wie hilft sie den Menschen, ihre Arbeit besser zu machen? Die Akzeptanz der Nutzer ist die Währung, in der der Erfolg eines Digitalisierungsprojekts gemessen wird.

Fazit: Empathie als wichtigstes Beratungstool

Die digitale Transformation im deutschen Mittelstand ist weniger eine Frage der technologischen Machbarkeit als vielmehr eine des Verständnisses und der Empathie. Der Graben zwischen der Hochglanz-Welt der digitalen Vordenker und der operativen Realität in den Unternehmen ist tief. In unserer Beratungspraxis bei der Hunold Consulting GmbH sehen wir tagtäglich, dass die erfolgreichsten Projekte dort entstehen, wo diese Realitätslücke erkannt und aktiv überbrückt wird. Es beginnt damit, zuzuhören, die gewachsenen Strukturen wertzuschätzen und die Menschen auf eine Reise mitzunehmen, anstatt ihnen eine fertige Lösung überzustülpen. Nur so kann der deutsche Mittelstand seine beeindruckende wirtschaftliche Stärke auch in einer zunehmend digitalisierten Welt sichern und ausbauen.

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