Jenseits der Zettelwirtschaft: Wie der Mittelstand Insellösungen überwindet

Die Zettelwirtschaft als Symptom: Wo die Digitalisierung im Mittelstand wirklich stockt
In vielen deutschen mittelständischen Unternehmen gleicht der Arbeitsalltag einem vertrauten Ritual: Wichtige Informationen werden auf Zetteln notiert, Freigaben per Zuruf erteilt und Anfragen an mehrere Kollegen gleichzeitig gerichtet – in der Hoffnung, dass sich einer zuständig fühlt. Diese „Zettelwirtschaft“, ob physisch oder digital in Form unstrukturierter E-Mails, ist mehr als nur eine ineffiziente Angewohnheit. Sie ist ein klares Symptom für tieferliegende, strukturelle Blockaden, die die digitale Transformation von KMU ausbremsen.
Die Symptome sind oft branchenübergreifend und ähneln sich in ihrer Natur:
- Intransparente Kommunikation: Anfragen von einem Standort oder einer Abteilung an die Zentrale versanden scheinbar im Nichts. Ohne eine zentrale Erfassung und Nachverfolgung wissen die Anfragenden nicht, wer ihre Aufgabe bearbeitet oder wie der aktuelle Status ist. Die Folge: mehrfache Anrufe, doppelte Arbeit und Frustration auf allen Seiten.
- Manuelle, papiergebundene Prozesse: Ob Rechnungsfreigaben, Urlaubsanträge oder Qualitätsmeldungen – kritische Abläufe hängen von physischen Dokumenten ab. Ein Mitarbeiter in einer Niederlassung füllt einen Zettel für eine Warenrücksendung aus, der Fahrer nimmt ihn mit, und in der Zentrale muss dieser manuell erfasst werden. Der Prozess ist langsam, fehleranfällig und liefert keine strukturierten Daten für eine spätere Analyse.
- Medienbrüche in Kernprozessen: Ein klassisches Beispiel ist die Logistik. Fahrer warten auf ausgedruckte Lieferscheine, lassen diese vom Kunden unterschreiben und bringen das Papier zurück. Eine digitale Lösung mit Tablet und elektronischer Signatur würde den Prozess beschleunigen, die Nachweisbarkeit verbessern und die Daten sofort im System verfügbar machen.
Diese oberflächlichen Ineffizienzen deuten jedoch auf strategische Defizite hin, die es zu adressieren gilt.
Die Ursachenanalyse: Warum Insellösungen und fehlende Strategien die Entwicklung lähmen
Um die Symptome wirksam zu bekämpfen, müssen Führungskräfte die eigentlichen Ursachen verstehen. Unsere Praxiserfahrung zeigt, dass die Probleme selten rein technologischer Natur sind. Meistens liegen sie in einer Kombination aus gewachsenen Strukturen, ungenutztem Potenzial und einer fehlenden strategischen Klammer.
1. Das Potenzial von Kernsystemen wird nicht ausgeschöpft
Viele Unternehmen, insbesondere im produzierenden Gewerbe oder Handel, verfügen über leistungsstarke Branchenlösungen – sei es ein Warenwirtschaftssystem, eine Kassenlösung mit Computerwaagen oder eine spezialisierte Produktionssoftware. Doch oft wird nur ein Bruchteil der verfügbaren Funktionalitäten genutzt. Das System könnte vielleicht eine dynamische Warenwirtschaft in den Filialen ermöglichen, detaillierte Verkaufsanalysen liefern oder Bestellprozesse automatisieren. Stattdessen wird es lediglich zur Basiserfassung genutzt, während strategisch wichtige Aufgaben weiterhin manuell oder über separate Excel-Listen erledigt werden.
2. Eine fragmentierte IT-Landschaft aus Insellösungen
Über Jahre hinweg werden für spezifische Probleme einzelne Software-Tools angeschafft: eines für die Rechnungslesung, ein anderes für die Urlaubsplanung, ein drittes für die Kundenkommunikation. Jede dieser „Insellösungen“ mag für sich genommen gut funktionieren, doch sie kommunizieren nicht miteinander. Dies führt zu Datensilos, erhöhtem Wartungsaufwand und zwingt Mitarbeiter, ständig zwischen verschiedenen Systemen zu wechseln. Der Versuch, diese Inselln nachträglich zu verbinden, ist oft teuer und komplex. Eine integrierte Plattformstrategie, beispielsweise auf Basis von Microsoft 365, wird selten in Betracht gezogen.
3. Die menschliche Komponente: Fehlendes Change Management
Selbst wenn moderne Werkzeuge wie Tablets oder Kollaborationsplattformen eingeführt werden, scheitert die Nutzung oft an der menschlichen Gewohnheit. Solange der Griff zum Telefonhörer oder das Schreiben einer schnellen E-Mail als einfacher empfunden wird als die strukturierte Eingabe in ein neues System, wird sich der ineffiziente Status quo halten. Die digitale Transformation erfordert daher mehr als nur die Bereitstellung von Technologie; sie verlangt eine aktive Gestaltung der Arbeitsorganisation und eine nutzerzentrierte Einführung, die den Mehrwert für jeden Einzelnen klar kommuniziert.
4. Veraltete IT-Betreuungsmodelle als Bremse
Ein oft unterschätzter Faktor ist der externe IT-Dienstleister. Viele KMU arbeiten seit Jahren mit Partnern zusammen, deren Kernkompetenz in der Wartung lokaler Server-Infrastrukturen liegt („Windows 95-Generation“). Diese Partner sind oft nicht in der Lage, eine strategische Beratung für moderne Cloud-Architekturen, IT-Sicherheit oder die Implementierung von Plattformen wie Microsoft 365 zu leisten. Sie verwalten den Status quo, anstatt aktiv den Weg in die Zukunft zu gestalten. Ein Wechsel zu einem modernen IT-Partner ist oft ein notwendiger, wenn auch schmerzhafter Schritt.
Der strategische Lösungsansatz: In vier Schritten zu integrierten Prozessen
Eine nachhaltige Prozessdigitalisierung im Mittelstand erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der über die Anschaffung neuer Software hinausgeht. Es geht darum, das Unternehmen als vernetztes System zu betrachten und Technologie gezielt zur Optimierung der Wertschöpfung einzusetzen.
Schritt 1: Radikale Bestandsaufnahme und Potenzialanalyse
Beginnen Sie mit einer ehrlichen Analyse: Welche Systeme sind im Einsatz und was können sie wirklich? Bevor Sie neue Tools evaluieren, prüfen Sie, ob Ihre bestehenden Kernsysteme (ERP, Branchensoftware) ungenutzte Module oder Funktionen bieten, die Ihre Probleme lösen könnten. Oft lässt sich mit einer besseren Konfiguration oder einer Schulung mehr erreichen als mit einer teuren Neuanschaffung.
Schritt 2: Priorisierung nach Schmerzpunkt und Wertschöpfung
Digitalisieren Sie nicht alles auf einmal. Identifizieren Sie die 2-3 Prozesse, deren Ineffizienz die größten Schmerzen verursacht oder das meiste Geld kostet. Ist es die fehleranfällige manuelle Auftragsabwicklung? Das intransparente Qualitätsmanagement? Oder die umständliche interne Kommunikation? Konzentrieren Sie Ihre Ressourcen auf die Quick-Wins mit dem größten Hebel.
Schritt 3: Entwicklung einer Plattform-Strategie
Denken Sie in Plattformen, nicht in einzelnen Tools. Eine Lösung wie Microsoft 365 bietet bereits im Standard einen enormen Werkzeugkasten für Kommunikation (Teams), Aufgabenmanagement (Planner, To Do), einfache Automatisierungen (Power Automate) und Datenerfassung (Forms). Anstatt Insellösungen zu schaffen, prüfen Sie, wie Sie solche Plattformen als Basis für die Digitalisierung Ihrer Kernprozesse nutzen können. Dies schafft eine einheitliche Nutzererfahrung und vermeidet Datensilos.
Schritt 4: Menschenzentrierte Umsetzung und Befähigung
Die beste Technologie ist nutzlos, wenn sie nicht angenommen wird. Gestalten Sie die neuen digitalen Prozesse so einfach und intuitiv wie möglich. Der neue Weg muss spürbar einfacher sein als der alte. Investieren Sie in Schulungen und benennen Sie digitale Champions in den Abteilungen, die als Ansprechpartner und Multiplikatoren dienen. Machen Sie die Mitarbeiter zu Mitgestaltern der Veränderung, anstatt sie vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Fazit: Strategie vor Technologie
Die Überwindung der „Zettelwirtschaft“ im Mittelstand ist keine primär technische Herausforderung, sondern eine strategische und organisatorische. Es geht darum, Insellösungen zu durchbrechen, das volle Potenzial vorhandener Systeme zu heben und die Mitarbeiter auf dem Weg der Veränderung mitzunehmen. Ein klar definierter, schrittweiser Ansatz, der auf einer ehrlichen Analyse der eigenen Prozesse und einer durchdachten Plattform-Strategie basiert, ist der Schlüssel zum Erfolg.
Genau diese strukturierte Vorgehensweise, von der Analyse der Ursachen bis zur pragmatischen Umsetzung, ist der Kern unserer Arbeit bei der Hunold Consulting GmbH. Wir sehen täglich, wie Unternehmen durch die Integration ihrer Prozesse nicht nur effizienter werden, sondern auch eine neue Transparenz und Steuerungsfähigkeit gewinnen, die sie für die Zukunft wettbewerbsfähig macht.
